Human Rights Colloquium: “Forced separation – do we need a new legal category?” mit Dr. Rainer Huhle

Am 10. Dezember 2025 veranstaltete das FAU CHREN einen lebhaften Kolloquiumsabend mit einem Vortrag von Dr. Rainer Huhle, moderiert von Dr. Janina Heaphy, der sich mit der tiefgreifenden und systematischen Natur erzwungener Trennung (Forced separation) befasste. Die Sitzung verortete das Konzept der erzwungenen Trennung in einem breiten historischen und gegenwärtigen Kontext. Dr. Huhle charakterisierte diese Praktiken als schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen mit tiefen Wurzeln in der nationalsozialistischen Politik Deutschlands während des Zweiten Weltkriegs, in lateinamerikanischen Militärdiktaturen sowie in kolonialen Praktiken. Durch den Blick auf aktuelle Kontexte, etwa den Krieg in der Ukraine und die komplexen Dynamiken von Migration, wurde deutlich, wie erzwungene Trennung weiterhin weltweit die Rechte von Familien einschränkt und die Identität von Kindern nachhaltig prägt.

Hintergrund: Erzwungene Trennungen und ihre Auswirkung auf Kinder

Forced separation refers to the state-led or state-sanctioned removal of children from their parents or legal guardians, often as a tool of social engineering, political repression, or genocide. While it overlaps with the established legal category of “enforced disappearances,” it is increasingly recognized as a distinct phenomenon because the whereabouts of the child may be known (such as in forced adoption systems), yet the legal and emotional bond is severed. The discussion delved into the legal and sociological complexities of defining forced separation, particularly in instances where seemingly “voluntary” decisions are made under the weight of coercion or structural violence. For example, parents in extreme poverty or conflict zones may “consent” to child relocation programs that are presented as humanitarian aid but result in the permanent loss of family contact.

Erzwungene Trennung/Forced separation bezeichnet die staatlich angeordnete oder staatlich gebilligte Entfernung von Kindern aus ihren Familien oder von ihren rechtlichen Sorgeberechtigten, häufig als Instrument sozialer Kontrolle, politischer Repression oder sogar im Zusammenhang mit Völkermord. Obwohl Überschneidungen mit der völkerrechtlichen Kategorie des Verschwindenlassens bestehen, wird erzwungene Trennung zunehmend als eigenständiges Phänomen verstanden, da der Aufenthaltsort des Kindes durchaus bekannt sein kann (etwa im Kontext erzwungener Adoptionen), während die rechtliche und emotionale Bindung zur Familie dauerhaft zerstört wird. Die Diskussion beleuchtete die rechtlichen und soziologischen Herausforderungen bei der Definition erzwungener Trennung, insbesondere in Situationen, in denen scheinbar „freiwillige“ Entscheidungen unter dem Druck von Zwang oder struktureller Gewalt getroffen werden. So können Eltern in extremer Armut oder in Konfliktregionen beispielsweise Programmen zur Umsiedlung von Kindern zustimmen, die als humanitäre Hilfe dargestellt werden, jedoch zum dauerhaften Verlust familiärer Kontakte führen.

Recap der Veranstaltung

“Forced Separation – do we need a new legal category?”, Bild: FAU/Nathalie Schneider.

Ein zentrales Thema der Debatte war das ethische Spannungsverhältnis zwischen dem „Kindeswohl“ – einschließlich des Rechts auf eine gefestigte Identität innerhalb einer Adoptivfamilie – und den Rechten der biologischen Eltern. Die Beiträge regten dazu an, darüber nachzudenken, ob sich das Menschenrechtssystem stärker an „Beziehungsrechten“ orientieren sollte, anstatt ausschließlich individuelle Rechte in den Mittelpunkt zu stellen. Während die Teilnehmenden über die Notwendigkeit neuer rechtlicher Instrumente oder Konventionen zur Schließung bestehender Schutzlücken diskutierten, wurden zugleich die Grenzen rechtlicher Lösungen bei tiefgreifenden moralischen Konflikten sowie die Gefahr einer politischen Instrumentalisierung entsprechender Begriffe kritisch reflektiert. Die Veranstaltung endete mit dem Aufruf zu einem fortlaufenden interdisziplinären Dialog, um rechtliche Rahmenwerke weiterzuentwickeln und den Schutz der familiären Integrität nachhaltig zu stärken.

Referent Dr. Rainer Huhle, Bild: FAU/Nathalie Schneider.

Über den Referenten Dr. Rainer Huhle

Dr. Rainer Huhle promovierte in Politikwissenschaft an der FAU. Den Großteil seiner beruflichen Laufbahn verbrachte er außerhalb der Universität, kehrte jedoch zurück, um gemeinsam mit Prof. Dr. Laura Clérico im Masterstudiengang den Kurs zu Transitional Justice zu unterrichten. Neben Themen wie Verschwindenlassen, Transitional Justice und dem UN-Menschenrechtsschutzsystem liegen seine Forschungsschwerpunkte insbesondere in der Geschichte der Menschenrechte, der Erinnerung und Memorialisierung von Menschenrechtsverbrechen sowie in politischen und rechtlichen Strategien zur Bekämpfung von Straflosigkeit. In diesem Zusammenhang war er Kurator der Dauerausstellung zu den Nürnberger Prozessen im Justizpalast Nürnberg.

Über die Vorsitzende Dr. Janina Heaphy

Vorsitzende Dr. Janina Heaphy. Bild: FAU/Nathalie Schneider.

Dr. Janina Heaphy ist Senior Researcher am FAU Center for Human Rights (FAU CHREN), wo sie zu Außenpolitikanalyse, Menschenrechten, Diplomatie und Sicherheitsstudien forscht und lehrt. Zuvor untersuchte sie die Entwicklung extraterritorialer Menschenrechtsschutzmechanismen im Rahmen amerikanischer, britischer und deutscher Terrorismusbekämpfungspolitiken. Seither beschäftigt sie sich mit unterschiedlichen Rechenschaftsmechanismen sowie staatlichen Strategien zur Umgehung von Verantwortlichkeit bei Verletzungen internationaler Normen. Zudem ist sie Mitherausgeberin der Zeitschrift für Menschenrechte (zfmr).

Über das FAU CHREN Human Rights Colloquium

Das vom FAU Research Center for Human Rights Erlangen-Nürnberg (FAU CHREN) organisierte inter- und transdisziplinäre Kolloquium bringt Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen zusammen, um aktuelle Fragen der Menschenrechtsforschung und -praxis zu diskutieren.
Die Kolloquien finden fortlaufend statt und werden von Dr. Janina Heaphy und Prof. Dr. Eva Pils gemeinsam organisiert. Die Veranstaltungen sind nicht öffentlich; Anfragen können an die Organisator*innen gerichtet werden.